Circumstances

 

Die Arbeiten von Daniel Scheffel geben sich zurückhaltend. Möglicherweise deshalb, weil es weniger darauf ankommt, was sie zeigen. Wesentlicher ist, was sie sind. Dies steht in Zusammenhang mit aktuellen Realitäten: Die Komplexität heutiger Zeit erfordert es, bewusster mit ihr umzugehen, sie handhabbar zu machen, sich Orientierung zu verschaffen. Eine Methode besteht darin, die Komplexität auf Essenzen zu reduzieren. Vor diesem Hintergrund entstehen Collagen, Gemälde und Objekte, die auf verschiedenen grundlegenden Sachverhalten basieren. Dazu gehören beispielsweise oben/unten, perfekt/unvollendet, Wiederholung, das Paar-Prinzip, Kommunikation u.ä.

Die inhaltliche Reduktion spiegelt sich im Formalen wider: Die Arbeiten bestehen aus nur wenigen Elementen, reduzierten Formen, einfachen Kompositionen. Auch die Materialien insbesondere der Objekte und Collagen sind einfacher Art: größtenteils Fundstücke. Sie reichen von Papier- und Pappstücken über Holzteile bis hin zu Bilderrahmen und stammen aus dem öffentlichen Raum bzw. fallen bei Arbeitsprozessen an. Die Stücke werden meist unverändert in genau der Form verwendet, in der sie vorgefunden wurden. Dadurch machen sie kompositorische Vorgaben und bestimmen Prozess und Ergebnis wesentlich.

 

Die materielle Basis ist bei jeder Arbeit eine neue, die Aufgabe der Reduktion stets die gleiche, jede Arbeit am Ende autonom.

 

Die klare Ausgangslage von Inhalt, Form und Material öffnet vielschichtige Bedeutungsebenen: Die reduzierten Kompositionen bringen Abstraktion bzw. Ungegenständlichkeit mit sich. Dies führt zu Offenheit der Darstellungen.

 

 

Darüber hinaus nutzen manche Arbeiten Grundstrukturen kultureller Formensprachen: einfache Formate bzw. Ästhetiken, die jeder kennt – aber nicht mehr direkt erkennt. So dienen etwa vertraute Elemente wie gesprayte Farbe oder mediale Formanleihen als unbewusst-subtile Vehikel für einen ersten rein visuellen Zugang. Bewusst zu erkennen geben sie sich jedoch kaum, sie verbergen sich hinter ihrer Selbstverständlichkeit. Ähnlich die einfachen Fundstücke – sie stellen zentrale Fragen: Wer besaß sie einmal? Wodurch jene ausgeblichene Stelle? Woher diese Schrammen und Bruchkanten? Ihre Vergangenheit ist unbekannt; sie behalten ihre Geschichten für sich.

Andeutungen statt Aussagen? Fährten um des Folgens willen? Basieren die Arbeiten auch auf bekannten visuellen Formaten bzw. grundlegenden Sachverhalten, so sorgt die Reduktion auf Essenzen dafür, dass die klaren Ausgangspunkte verschwimmen. So scheinen mögliche Zugänge ins Leere zu führen – und doch bestehen sie: in Form unbewusst vollzogener Verinnerlichungen und diffuser Vertrautheit. Die anvisierte Orientierung in heutiger Komplexität scheint uneindeutig – und doch gelingt sie: durch einfachste individuelle Übersetzungen basaler Landmarken.

Anspruch auf eindeutiges bzw. verbindliches Vokabular erheben die Arbeiten nicht. Vielmehr sind sie Möglichkeitsmodelle für einen Zugang zu und Umgang mit aktueller Zeit.

Die Arbeiten von Daniel Scheffel geben sich zurückhaltend. Wahrscheinlich weil sie wissen, dass Naheliegendes besser über Umwege erkannt wird.

 

 

(Text: Ward S. Guad)